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Lesetipps | Rubrik Emotionen | Für Erwachsene


Kurzgeschichte: „DAS K-WORT“ –
KLEINE SCHRITTE GEHEN IST BESSER ALS KEINE SCHRITTE GEHEN

Eine Kurzgeschichte von Hilla Fitzen – Für Leser ab 8 Jahren

 

Vorwort von Frau Hilla
Diesmal stelle ich euch eine meiner Geschichten vor. Sie ist mir zugeflogen, als ich bei einer Schreibwerkstatt teilnahm. Lange bevor ich Kontakt zur Stiftung phönikks bekam.

Jedes Mal, wenn ich die Geschichte vorlese, sehe ich berührte Gesichter, die sich zu einem zustimmenden Lächeln entwickeln. Genau das, was wir mit Mutmacher-Geschichten hier erreichen möchten. Ich hoffe, es klappt auch bei euch.

 

Die Autorin
Hilla Fitzen, 1969 geboren. Redakteurin Fiktion und Hörspiele. Geschichtensammlerin und Lichtfängerin.

DAS K-WORT
Als Hannah aufwachte, spürte sie ihn sofort wieder, den dumpfen Schmerz, der sich in ihrem Bauch vom Nabel abwärts zog. Sie blickte an die Decke, an die kahlen Wände des Zimmers. Das Fenster stand auf Kipp, der Vorhang wehte leicht im Wind. Hannah drückte den Knopf rechts am Bett, der sie automatisch in die Sitzposition brachte. Das Frühstück stand noch da – Graubrot und Sülzwurst. Der Tee war lauwarm, und vorsichtig trank Hannah einen Schluck. Ekelhaft. Hagebutte. Krankenhaus Tee.

Die Tür schlug auf und eine Horde weiß gekleideter Menschen drängte energiegeladen ins Zimmer. Der Älteste unter ihnen klappte das Krankenblatt auf, überflog das Geschriebene und sagte: „Eine wirklich bösartige Geschichte. Zum Glück ist jetzt alles vorbei. Wie geht es Ihnen heute?“ Hannah schüttelte nur den Kopf und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Keiner brachte den Mut auf, in ihre traurigen Augen zu sehen, so sehr sie sich auch danach sehnte. Es stimmt, was ihre Großmutter gesagt hatte, dass Krankheit einsam macht.

Endlich wieder allein im Zimmer ließ sie sich in die Kissen zurück fallen. Sie schloss die Augen und übte, was der Psychologe ihr aufgetragen hatte. „Lass deinen Gedanken freien Lauf. Und das, was dann zum Vorschein kommt, das kannst du verarbeiten!“

„Das K-Wort“, seufzte sie. Das K ging ihr seit Monaten nicht mehr aus dem Kopf. Wie ein Ohrwurm drehte sich alles darum. Krebs-Kinder-Kinder-Krebs. Kinder trotz Krebs. Krebs mit Kindern. Krebs statt Kinder. Krebslos. Kinderlos. Karriere statt Kinder?

Sehr genau erinnerte sie sich an die Worte der Ärztin bei der Diagnose „Wenn Sie sich sofort operieren lassen, dann werden Sie gesund sein. Ohne Kinder. Wenn Sie den Krebs in Ihrer Gebärmutter ignorieren und ein Kind bekommen, dann sinken Ihre Überlebenschancen drastisch. Und was soll Ihr Kind dann ohne Sie machen?“

Darauf fand sie keine Antwort sondern nur Leere und verzweifelte Schreie auf der Suche nach der richtigen Entscheidung. Und das monatelang. Als sie ihre Ambivalenz nicht mehr ertragen konnte und die Angst vor dem eigenen Tod immer größer wurde, entschied sie sich gegen den Krebs und damit auch gegen Kinder. Eine unfaire Möglichkeit des Schicksals, die sie nie für möglich gehalten hatte. Die Leere und die Schreie waren weiterhin ihre engsten Begleiter.

„Warum habe ich mir das Leben durch die Operation gerettet, wenn ich jetzt wie eine leere Hülle durch mein Leben reise?“ Hannah war an einem noch nie erreichten Tiefpunkt in ihrem Leben angekommen. Vom Leben angesogen und ausgespuckt mit einem großen Loch in ihrem Herzen.

Es musste etwas passieren! Nur ein kleiner Hoffnungsschimmer würde ihr für den Anfang schon reichen. „Kleine Schritte gehen ist besser als keine Schritte gehen“, dachte sie. Hannah zog ihren Bademantel und ihre Turnschuhe an, ging schwankend zum Spiegel und wischte sich die Tränen aus den Augen, spülte sich kaltes Wasser ins Gesicht, bürstete die Haare und atmete tief durch. Erschöpft und erwartungsvoll betrat sie den Krankenhausflur und entschied, dass ein Kaffee vermutlich der richtige Anfang wäre. Ein Kaffee.... mit K. Schon wieder ein K, als böte das Alphabet keine anderen Möglichkeiten.

Spontan fasste sie den Entschluss, sich einen neuen Buchstaben als Lebensmotto zu suchen. Sollten sich ihre Gedanken doch um neue Wortmöglichkeiten drehen. In der Cafeteria der Klinik saßen ganze Horden von Menschen. Hier würde sie ein neues Motto finden! Sie setzte sich an einen Tisch, den Blick aus dem Fenster gerichtet und wandte ihre Aufmerksamkeit den Gesprächen im Raum zu. Hannah hörte eine lachende Kinderbande einen Aufzählreim sagen „Enne denne, dubbe denne, dubbe denne dalia, bio bio buff.“ „Welch sinnentleerter Anfang für ein neues Leben!“ dachte Hannah irritiert.

Etwas weiter entfernt hörte sie, wie eine Frau ihren giggelnden Kindern ein Gedicht vorlas: „Ottos Mops - Ottos Mops trotzt - Otto: fort Mops fort - Ottos Mops hopst fort - Otto: soso...“ Das war ja nicht zum Aushalten! Das konnte eine Buchstabenfixierung also mit sich bringen! Schrecklich.
Ratlos blickte Hannah aus dem Fenster. Erbärmlich. Irgendwie durchgeknallt, mit welchen Mitteln sie versuchte, sich selbst Halt mit H. zu geben. Eine Welle der Desorientierung mit D. schlug über ihr ein. Auch stieg das Gefühl mit G. auf, den Verstand zu verlieren mit 2xV. Es gibt Erlebnisse, die unsere Seele zum Schweigen bringen. Die derart sinnlos sind, dass es schon fast keinen Sinn mehr macht, sich aus der Sinnlosigkeit befreien zu wollen. Mit ganz viel S.

Hannah erinnerte sich an die Existentialisten, deren Literatur sie als Jugendliche geliebt hatte. „Die Hölle, das sind die anderen“ schrieb Sartre. Oder war es „Die Hölle, das sind wir“? „Egal. Beides stimmt. Ich bin meine eigene Hölle. Meine K-Gedanken sind die Hölle und ein Herumwühlen in der Buchstabensuppe hilft mir auch nicht weiter“, gestand sie sich ein. „Erstmal raus hier“, dachte sie. „Frische Luft. Atmen.“

Mit zielsicherem Schritt verließ Hannah das Krankenhausgebäude und wandte sich dem angrenzenden Park zu. Ob sie nach der Operation schon stark genug war, um einmal quer über den Rasen zu der Holzbank zu gehen? Einen Versuch ist es wert, dachte sie. Als sie dort ankam, schloss sie die Augen und war so erschöpft, dass sie fast einschlief.

Hannah schreckte auf, als sie eine Stimme hörte. „Kirschen gepflückt, Wasser ver... Bauch...Aua...äh... Nein, so war das nicht. Warum kann ich mir das nicht merken?“ Ein kleines Mädchen kam über die Wiese gelaufen, tief versunken in seine grübelnden Gedanken.
Hannah sagte „Es heißt Kirschen gegessen, Wasser getrunken, Bauchweh bekommen, Tod.“ Das Kind strahlte sie glücklich an „Ja, genau, so war es! Oh, danke, danke, danke.“

Hannah schossen die Tränen in die Augen. „Bauchweh bekommen, Tod.“ Das Mädchen beobachtete sie und legte den Kopf schief. „Was hast du denn? Ach, du bist traurig. Das ist nicht gut. Ich bin Hannah mit H. und wie heißt du?“
„Hannah...auch...“
„Komm mal mit, große Hannah“ sagte das kleine Mädchen.
„Ich kann nicht.“
„Warum nicht?“, empörte sich die kleine Hannah mit H.
„Ich bin zu erschöpft“, beklagte die große Hannah.
„Warum denn?“ , wunderte sich das kleine Mädchen mit den vielen Sommersprossen.
„Ich bin gerade im Krankenhaus“ seufzte Hannah.
„Na und?“, lachte das Mädchen, „Komm. Ich will dir was zeigen.“
Das Mädchen rannte auf einen Baum zu, der mitten auf der großen Wiese stand. Die kleine Hannah mit H. rief „Sag mal, hast du schon einmal einen Baum umarmt?“ und drückte ihn fest an sich, als wäre er ihr bester Freund.
„Nein“ sagte die große Hannah verwirrt.
„Das tut so gut. Mach schon“.

Hannah ging auf den Baum zu, sie schloss die Augen und breitete die Arme aus. Schüchtern fast umfasste sie den Baum. Wie stark er war. Wind kam auf. Hannah konnte das Blätterrauschen hören. Dieser Baum stand hier schon länger als sie auf der Welt war und strahlte immer noch Kraft und Ruhe aus. War fest mit seinen Wurzeln in der Erde verankert. Er hatte viele Stürme überstanden, vermutlich mehr als sie selbst jemals erleben würde. Sie spürte, wie sich ihr Körper nach und nach mit Kraft füllte und mit Hoffnung mit H wie Hannah ohne K. Hannah lächelte und dachte „Und es gibt sie doch. Die Freude. Die inmitten der Trauer liegt“.

Als sie die Augen öffnete und die innige Umarmung mit dem Baum langsam löste, drehte sie sich um und wollte der kleinen Hannah für diesen Moment danken. Sie konnte das lebenslustig Mädchen nicht mehr sehen. Wo war es nur hingegangen? War das Kind überhaupt da gewesen? Wie ein Engel war es aufgetaucht und wieder verschwunden. Doch ihr Lachen war noch lange in der großen Hannah mit H zu hören.